2.

Lilly fühlt einen heftigen Druck auf ihren Händen, sie versucht sich in der finsteren Umgebung zu orientieren. Handschellen umfassen ihre Hände, befestigt am Heizungskörper, der jedoch keine Wärme ausstrahlt. Der Raum ist eiskalt, eine Ratte läuft über Lillys glatt rasierte Beine. Ab und zu flackert die Glühbirne auf, sodass Lilly einen kurzen Blick auf den Raum erhaschen kann. Sie trägt ihren teuren, nagelneuen Victoria’s Secret Slip, den sie sich letztes Mal auf dem Weg von Dubai am Flughafen gekauft hat.

Er reißt ihr Strähne für Strähne heraus, zieht an ihren Haaren , bis die winzigen Haarfollikel an den einzelnen Haaren zum Vorschein kommen. Ihre wunderschönen langen Haare, von denen bald nichts mehr übrig bleiben würde. Lilly’s größter Stolz, der ihr von Sekunde zu Sekunde entrissen wurde, in schmerzhaften, hastigen Bewegungen.  Das Einzige was Lilly bleibt sind ihre Tränen, die ihr wie kleine Diamanten heruntertropfen. Kristalltränen, die keiner auffängt.

Lucas befestigt die herausgerissenen Strähnen mit einem Haargummi  und bindet sie zu einem Zopf, wie er es bei seiner Mutter täglich gesehen hat, wenn sie zu Bett ging. Seine Mutter, die gar nicht seine Mutter war. Die ihn aufnahm, als er keinen mehr hatte. Als keine Menschenseele sich um sein Wohlergehen kümmerte , war sie da, tröstete ihn, gab ihm Geborgenheit und ein sicheres Zuhause mit einer liebevollen Familie. Schenkte ihm eine Zukunft, ermöglichte ihm einen guten Abschluss, gab ihm alles, was er brauchte. Und doch spürte Lucas immer dieses Ziehen in seiner Brust. Er konnte seine Gefühle nicht bändigen, entwickelte Aggressionen und die Wut schlich sich immer näher heran, bis Lucas ausartete. Seine Augen wurden zu schwarzen Gruben, wenn er an seine biologische Mutter dachte. Die Frau, die jeden Tag einen anderen Mann zu Besuch hatte. Widerliche schmutzige Männer, deren Finger sich wie wabbelige Gelatine an seiner Mutter vergriffen. Jeden Abend sperrte sie ihn in eine kleine dunkle Kammer ein, die ein riesiges Spinnennetz ummantelte. So wie auch Lilly hier nun saß. Sie ließ ihm kein Licht da, keine Luft zum Atmen, sie band seine Hände an einen Heizungskörper und ließ ihn dort, Tag und Nacht. Die anderen Kinder besuchten die Schule, spielten draußen mit ihren Freunden, Lucas hatte keine Freunde. Er lag jeden Abend zusammengekauert auf dem Fußboden, in der Hoffnung, die Schreie seiner Mutter würden bald aufhören, verstummen. Er blickte auf Lilly und genoss diese Atmosphäre der Genugtuung. Leise summte er ein Lied vor sich hin, welches er von seiner Großmutter gelernt hatte. Sie sang es ihm jeden Abend, bevor sie starb. Bevor seine Mutter sich prostituierte und ihn verwahrlosen ließ.

Seine Mutter sollte büßen. Und Lilly war nur ein Anfang. Das kleine, süße Opfer, das sich Lucas bedacht auserwählt hatte. Die wohlbehütete Lilly, Tochter seiner Mutter, Tochter eines Freiers, der eine Zukunft mit seiner Mutter aufbaute. Lucas würde ihnen das nehmen, was sie ihm nicht ermöglichten, eine kleine geborgene Familie.

Fotograf: Jan E. Siebert

Geschichte frei erfunden.

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